Der Mythos von der mündigen Patientin. Über die Fallstricke von Beratung und informierter Entscheidung

Dr. Silja Samerski 
Hauptreferat – Samstag, 05.11.2011 – 12.00 -12.45 Uhr 

„PatientInnenautonomie“, „shared decisionmaking“, „informierte Entscheidung“ – die Partizipation von PatientInnen in der Arztpraxis und am Krankenbett steht hoch im Kurs. Bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts bestimmte die Regel doctor knows best das Aufeinandertreffen von ÄrztIn und PatientIn. Heute dagegen sollen PatientInnen mündig werden und mitentscheiden; „Patientensouveränität“ ist eines von sechs nationalen Gesundheitszielen. Was passiert jedoch, wenn PatientInnen zur Mündigkeit erzogen werden? Was lernen sie, wenn sie von Ärztinnen und Ärzten beraten werden, damit sie eine informierte und eigenverantwortliche Entscheidung treffen können? Dr. Silja Samerski, Diplom-Biologin und Sozialwissenschaftlerin an der Universität Hannover, hält den Aufruf zur informierten Entscheidung für eine Mogelpackung. PatientInnen lernen, sich nicht mehr auf ihre Sinne und ihren „gesunden Menschenverstand“ zu verlassen, sondern medizinische und statistische Fachinformation abzuwägen. Sie werden dazu angehalten, ihre Entscheidungen auf die Gesetzmäßigkeiten eines zunehmend ökonomisierten Gesundheitssystems zu gründen. „Informierte Entscheidungen“ überfordern viele PatientInnen also nicht nur, sondern verpflichtet sie auch zum systemgerechten Management ihrer Gesundheit.

Kurzvita
Silja Samerski, Dr. phil. Dipl. biol. (Bremen)

Humangenetikerin und Sozialwissenschaftlerin, erforscht die sozialen und kulturellen Folgen von Wissenschaft und Technik. Studium der Biologie und Philosophie, sozialwissenschaftliche Dissertation über die Verpflichtung von Schwangeren zum Risikomanagement ihres kommenden Kindes durch genetische Beratung („Die verrechnete Hoffnung. Von der selbstbestimmten Entscheidung durch genetische Beratung“, Münster 2002). Gehört einer internationalen Arbeitsgruppe an, die moderne Mythen erforscht, wie z.B. den Glauben daran, dass Medizinkonsum Gesundheit produziert, Datenlawinen Wissen vermehren und professionelle Beratung zur Selbstbestimmung befähigt. Seit 2002  am Institut für Soziologie an der Leibniz Universität Hannover, wo sie mehrere Jahre mit Barbara Duden über das „Alltags-Gen“ bzw. die „Gene im Kopf“ forschte. Autorin des Buches „Die Entscheidungsfalle. Wie genetische Aufklärung die Gesellschaft entmündigt“ (Darmstadt  2010), in dem sie anhand von Beispielen aus der medizinischen Beratungspraxis zeigt, wie irreführend die professionelle Aufklärung über eigene Gene und Risiken ist, und wie diese die Beratenen zu ohnmächtigen und entmündigenden Entscheidungen zwingt. Arbeitet derzeit zur Geschichte der „informierten Entscheidung“ als Sozialtechnologie.

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